Der Stromnetzausbau kommt voran, aber die Herausforderungen sind groß
Beim Ausbau des Stromnetzes in Deutschland bleibt noch viel zu tun. Der Strombedarf steigt in der Wirtschaft, in den Haushalten und nicht zuletzt durch immer mehr Elektrofahrzeuge.
Mit der Energiewende hat sich das Bild der Stromversorgung grundlegend gewandelt. Ziel ist der Umstieg auf erneuerbare Energien, ohne dass die Versorgungssicherheit leidet. Dafür braucht es viel Planung.
Mit dem Ausbau von Wind- und Solarenergie stoßen einige Teilnetze inzwischen an ihre technischen Grenzen. Das Netz muss deshalb auf eine Stromerzeugung umgebaut werden, die aus vielen kleinen Anlagen kommt statt aus wenigen großen Kraftwerken. Außerdem müssen die Verteilnetze ausgebaut und erneuert werden, sonst lässt sich der steigende Strombedarf vor Ort nicht sicher decken. Eng damit verbunden ist das Phänomen Flatterstrom, also die schwankende Einspeisung aus Wind- und Solaranlagen.
Das alles ist teuer, und bezahlen wird es der Verbraucher. Die Strompreise dürften also weiter steigen.
Die Rolle von Elektrofahrzeugen
Einen großen Anteil am steigenden Strombedarf in Deutschland haben die Elektrofahrzeuge. Eine Studie von Prognos, Fraunhofer ISI und Öko-Institut für das Bundeswirtschaftsministerium hat 2021 den zusätzlichen Strombedarf der Elektromobilität im Straßenverkehr für 2030 auf rund 70 Terawattstunden geschätzt, gut ein Zehntel des heutigen Verbrauchs. Kein Pappenstiel. Allerdings rechnete sie mit 16 Millionen Elektroautos, und Anfang 2026 waren erst gut zwei Millionen zugelassen. Die Richtung stimmt, nur geht es langsamer als damals angenommen.
Mehr Elektrofahrzeuge bedeuten mehr Verbrauch, und darauf müssen sich auch Erzeugung und Verteilung einstellen.
Elektroautos belasten das Netz also, können es aber auch entlasten. Ihre Akkus lassen sich nämlich als flexible Stromspeicher nutzen: Wird das Laden und Entladen intelligent gesteuert, gleicht das die Nachfrage im Netz besser aus. Fahrzeuge laden, wenn wenig nachgefragt wird, und speisen bei Bedarf wieder zurück. Stichwort: bidirektionales Laden, kurz V2G (Vehicle-to-Grid).
Noch näher liegt der direkte Eigenverbrauch: Wer eine Photovoltaikanlage am eigenen Haus betreibt, kann sein Fahrzeug mit dem Strom laden, der dort ohnehin produziert wird. Das macht unabhängiger vom Netzstrom.
Stand des Stromnetzausbaus
Der Stromnetzausbau in Deutschland ist ein Schwerpunkt der Energiepolitik, schon weil die zusätzliche Last aus Wirtschaft, Haushalten und Elektromobilität die Netzbetreiber deutlich fordert.
Ein Grund dafür ist der Wandel von zentraler zu dezentraler Erzeugung. Strom kommt nicht mehr nur aus wenigen großen Kraftwerken, sondern aus vielen verteilten Anlagen, vom Solardach bis zum Windpark. Das Netz muss entsprechend umgebaut werden, damit es die dezentralen Anlagen aufnehmen und die Stromflüsse steuern kann.
Bezahlt wird der Ausbau über die Netzentgelte, also von allen Stromkunden. Teurer als Abwarten ist er deshalb aber nicht unbedingt, denn auch Redispatch und Abregelung landen auf derselben Rechnung.
Trotz aller Hürden kommt der Ausbau voran. Die Bundesnetzagentur veröffentlicht vierteljährlich einen Monitoringbericht. Der Bericht für das erste Quartal 2026 (Stichtag 31. März 2026) zählt 106 Vorhaben aus dem Bundesbedarfsplangesetz und 22 aus dem Energieleitungsausbaugesetz, zusammen also 128 Vorhaben mit rund 16.776 Kilometern Leitungslänge. Davon sind rund 4.907 Kilometer genehmigt und entweder schon im Bau oder kurz davor, weitere etwa 1.415 Kilometer sind fertig, aber noch nicht in Betrieb, und rund 2.919 Kilometer sind bereits vollständig in Betrieb.
Balkonkraftwerke
Balkonkraftwerke sind kleine Solaranlagen. Sie werden auf Balkonen oder Fensterbänken montiert, an Hauswände gehängt oder auf Gartenlauben gesetzt. So decken sie einen Teil des eigenen Strombedarfs ab.
Nach Angaben der Bundesnetzagentur (Marktstammdatenregister) waren Anfang 2026 rund 1,2 Millionen Balkonkraftwerke in Deutschland in Betrieb. Bis Mitte 2026 ist die Zahl auf rund 1,33 Millionen gewachsen. Allein in den Jahren 2024 und 2025 kamen jeweils rund 400.000 neue Anlagen hinzu. Das lag auch am Solarpaket I, das die zulässige Einspeiseleistung der Wechselrichter auf 800 Watt anhob und die zusätzliche Anmeldung beim Netzbetreiber abschaffte.
Balkonkraftwerke sind umweltfreundlich und kostengünstig, haben aber auch ihre Tücken. Mit der steigenden Zahl wächst der Aufwand für die Netzbetreiber, denn Anlagen mit bis zu 800 Watt lassen sich nicht zentral steuern. Um Schwankungen und Überlastungen zu vermeiden, müssen die Netzbetreiber technisch nachrüsten. Was für dich als Betreiber gilt und was so ein Gerät bringt, steht im Artikel Balkonkraftwerk.
Zentrale und dezentrale Stromerzeugung im Vergleich
Mit der Energiewende verteilt sich die Stromerzeugung auf viele kleine Anlagen statt auf wenige große Kraftwerke. Strom vom eigenen Dach, der gleich im Haus verbraucht wird, muss gar nicht erst durchs Netz. Gleichzeitig entsteht aber ein großer Teil des Windstroms im Norden, gebraucht wird er vor allem im Süden und Westen. Deshalb braucht es beides: ein stärkeres Verteilnetz vor Ort und neue Leitungen über lange Strecken.
Allerdings ist die dezentrale Erzeugung oft teurer als die zentrale: Bau und Betrieb vieler kleiner Anlagen sind aufwendiger als ein einzelnes großes Kraftwerk. Hinzu kommen lokale Überkapazitäten dort, wo viele Anlagen unkoordiniert einspeisen, und das beeinträchtigt die Effizienz im Gesamtsystem. Trotzdem wird die dezentrale Erzeugung die Stromversorgung in den kommenden Jahren prägen.
Schlusswort
Wohin der Umbau der Stromerzeugung führt und welche Folgen er für Versorgung und Kosten hat, ist offen. Eine gute Mischung aus zentraler und dezentraler Erzeugung, ergänzt um leistungsfähige Speicher, könnte die Energiewende technisch und finanziell tragbar machen. Aktuelle Entwicklungen zu Netzausbau, Speichern und Balkonkraftwerken findest du in unseren News.
FAQ zum Stromnetzausbau
Warum muss das Stromnetz überhaupt ausgebaut werden?
Weil sich geändert hat, wo Strom entsteht. Früher speisten wenige große Kraftwerke in der Nähe der Verbraucher ein, heute kommt viel Strom von windreichen Küsten und aus vielen kleinen Anlagen. Das Netz war zum Verteilen gebaut, nicht zum Einsammeln und Quertransportieren. Das muss es jetzt aber leisten.
Wie weit ist der Netzausbau in Deutschland?
Der Monitoringbericht der Bundesnetzagentur für das erste Quartal 2026 zählt 106 Vorhaben aus dem Bundesbedarfsplangesetz und 22 aus dem Energieleitungsausbaugesetz, zusammen 128 Vorhaben mit rund 16.776 Kilometern. Davon sind etwa 4.907 Kilometer genehmigt und im Bau oder kurz davor, rund 1.415 Kilometer fertig, aber noch nicht in Betrieb, und rund 2.919 Kilometer vollständig in Betrieb.
Woran hakt es beim Netzausbau?
Selten an der Technik. Die Engpässe liegen in Planung, Genehmigung und Akzeptanz vor Ort: Ein Vorhaben durchläuft Bedarfsermittlung, Bundesfachplanung und Planfeststellung, und jeder Schritt bietet Gelegenheit für Einwände. Dazu kommen fehlende Fachkräfte und lange Lieferzeiten für Transformatoren und Kabel.
Was ist Redispatch und was kostet er?
Wenn eine Leitung überlastet zu werden droht, fährt der Netzbetreiber die Erzeugung vor dem Engpass herunter und dahinter hoch. Die Strommenge bleibt gleich, nur der Erzeugungsort verschiebt sich. Weil die betroffenen Betreiber entschädigt werden, entstehen Kosten in Milliardenhöhe. Das ist der Preis dafür, dass der Netzausbau dem Anlagenausbau hinterherläuft.
Zahlen Verbraucher den Netzausbau?
Ja, über die Netzentgelte im Strompreis. Das gilt allerdings für beide Seiten der Rechnung: Auch Redispatch und Abregelung werden über die Netzentgelte umgelegt. Ein zügiger Ausbau ist deshalb nicht zwangsläufig die teurere Variante. Er verschiebt die Kosten nur von den Reparaturmaßnahmen zur Infrastruktur.
Wo kann ich den Stand einzelner Vorhaben nachsehen?
Auf dem Portal netzausbau.de der Bundesnetzagentur. Dort ist jedes Vorhaben aus Bundesbedarfsplangesetz und Energieleitungsausbaugesetz mit Verlauf, Verfahrensstand und Terminen hinterlegt, und die Zahlen werden vierteljährlich aktualisiert.
Weiterführende Quellen
Bundesnetzagentur – Monitoring des Netzausbaus, externes Angebot, öffnet in einem neuen Tab – die vierteljährlichen Berichte mit dem Stand jedes einzelnen Vorhabens
Netzentwicklungsplan Strom, externes Angebot, öffnet in einem neuen Tab – die gemeinsame Planung der vier Übertragungsnetzbetreiber
SMARD – Strommarktdaten der Bundesnetzagentur, externes Angebot, öffnet in einem neuen Tab – Erzeugung, Verbrauch, Börsenpreise und Daten zu Redispatch-Maßnahmen
kennzeichnet externe, unabhängige Angebote. Diese Verweise öffnen sich in einem neuen Tab.
Begriffe und Abkürzungen kurz erklärt: siehe Glossar (Stromnetz und Netzstabilität).